Zeichnungen

Christus vor Pilatus (1955/56)


große Auflösung

Tusche-Pinselzeichnung
New York, 1955/56

derzeit als Leihgabe in der
"Hiro-Foundation" Tokyo


Christus vor Pilatus, die 1955/56 vorwiegend in New York entstandene, manieristische Komposition zählt zu Fuchs' Hauptwerken unter den Zeichnungen der Fünfzigerjahre. Ursprünglich in kleinem Format konzipiert (zu sehen an der Schnittstelle im Rock des Pilatus) wurde das Blatt in der Folge zu einer grandiosen, symbolistischen Inszenierung ausgeweitet und zählt heute zu jenen Bilddokumenten, die den Weg des Künstlers in die katholische Kirche manifestieren. Die Bedeutung, die die Person des Jesus von Nazareth für ihn zu diesem Zeitpunkt erlangt, ist aber erst dann wirklich nachzuvollziehen, wenn man auch die Rolle des Todes in den bis dahin entstandenen Arbeiten analysiert.

Der Tod
Unzählige nach 1945 entstandene Bilder bergen den Tod wie einen Zeremonienmeister in sich: "er trägt vor, er bestimmt das Bild"(Fuchs). Und in all diesen Werken ist er ein "unüberwindliches Monument absoluter Endlichkeit". Auf ein Jenseits, auf ein Nach-dem-Tode, zu welchem der Knöcherne keinen Zutritt hat, wird nicht verwiesen. Alles "Verwesende" übt zu dieser Zeit eine ungeheure Faszination auf Fuchs aus und wird ihm zur "heroischen Apotheose des unwiderruflichen Endes: Das Skelett als fein ziselierter, kostbarer Schlussstein, im Zenit des Lebensgewölbes. Er, der Knochenmann, das unzerstörbare Monument in uns, das unser Fleisch wie einen Mantel trägt, als die einzige Gestalt, die von unserer Existenz unwandelbar zurückgelassen wird". Und all diese skelettierten Gestalten sind so gezeichnet, "als könnte der entfleischte, kahle Schädel noch die Stirne runzeln und aus leeren Augenhhlen einen Ausdruck menschlichen Fühlens vermitteln".
In den mittelalterlichen oder romantischen Tänzen haben neben dem Tod auch ein rettender Gott und die unsterbliche Seele ihren Ausdruck gefunden: "Dem knöchernen Tänzer wurde der Partner, die Seele, endlich doch entwunden". Solch einen Trost sieht Fuchs in seinen Arbeiten lange nicht. "Diese beinerne Gestalt nahm nicht zu, nahm nicht ab, zeigte unveränderbare Züge, war unfähig, sich zu wandeln". Erst in Christus vor Pilatus erscheint nun zum ersten Mal ein Zeichen der Transzendenz: "Ein Jenseits leuchtet auf, zeigt sich in Form einer Taube, des über der Christusfigur schwebenden heiligen Geistes".

Das Einhorn
Schwere, fast monströse Züge sind dem Einhorn verliehen. Der bierkutschenziehende Pinzgauer aus dem nachkriegszeitlichen Stadtbild Wiens erfährt hier seine Nachgestaltung. Das Einhorn ist unüberwindlich und von unbesiegbarer Gewalt, auch ist es unerkennbar, unbekannt, und daher von göttlicher Ausstrahlung. Es richtet sein Horn gegen den Tod, und weist sich somit als dessen Gegenspieler aus. Im Bereich von Einhorn und Knochenmann erscheinen Schergen in zeitgenössischem Gewande. Das Einhorn übersteigt die Krankheit und Tod verkörpernde Furie, sowie den Drachen, der wie ein Blutvergifter und Basilisk auf ihrer Schlagader sitzt. Über dem reitenden Tod hängt die "Krone des Todes" mit den Hexen, die "Weltmacht des Bösen" repräsentierend, allumfassend durch den Doppeladler.

Die Grabeswelt
Der rechte Teil der Zeichnung wird von Gräbern oder "Todesblöcken" eingenommen. Unter dem Kreuz liegt in einer futuristischen Architektur-Perspektive eine gefallene Opfergestalt. Die Verschränkung derselben mit dem Bein des Einhorns ist bildsprachenmotivisch: "Genau im Schritt ist der Tritt". Im ersten der Todesblöcke erscheint ein Portrait Gustav Klimts, ein Maler von hoher Sensualität, der sich mit dem Antagonismus von Leben und Tod in einem gleichnamigen, symbolistischen Bild ebenso auseinandergesetzt hat, wie Fuchs es in dieser Zeichnung tut.

Pilatus und Christus
In verschiedenen Arbeiten hat Fuchs - vor allem in Zusammenhang mit dem Gekreuzigten - die Tiara als Zeichen von "Majestät" eingesetzt. Von verschiedenen Seiten (auch der katholischen Kirche) wurde er deshalb sogar der Blasphemie bezichtigt. Hier trägt nun, als Zeichen des Hohepriesterlichen, Pilatus selbst die Bischofsmütze, denn als der Verurteilende ist er Statthalter und Kephas in einer Person. Obwohl seine Handhaltung eine Anerkennung der Majestät Jesu zum Ausdruck bringt, steht auch er unter dem Zwang, den Erlöser nicht anzuerkennen. Der vor dem Abgrund stehende Menschensohn muss hingehen, wie es von ihm geschrieben steht.

Die Zeugen
Alle sind Zeugen der Gegenwart Christi (im Bild links). Die Entsetzten und Aufgebrachten, die Pharisäer und Ungläubigen befinden sich in der Mehrzahl, die Gläubigen in der Minderzahl; auch der Künstler selbst hat sich in Form eines kleinen Selbstportraits in die Gruppe gestellt. Eine auffallende, auf einen Stock gestützte Gestalt mit Hut, repräsentiert das Bürgertum. Moses wiederum bedeutet mit seiner Fingerhaltung, dass Christus "in Ordnung" sei - der alte und der Neue Bund, sie sind auch für Fuchs als eine Einheit zu verstehen.

(Textquelle: "Ernst Fuchs, Zeichnungen und Graphik aus der frühen Schaffensperiode, 1942-1959", herausgegeben von Friedrich Haider; Löcker Verlag Wien 2003, ISBN 3-85409-387-X)

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