Prolog Wiener Staatsoper

DER NAHE KLANG

Friedrich Haider steht bei der Silvester-Fledermaus am Pult der Wiener Staatsoper

von Peter Blaha
(aus: pro:log Dezember 2003, Heft 74)

"Heimat bist Du großer Söhne" verkündet stolz die österreichische Bundeshymne. Manchmal ist sich die Heimat ihrer "großen Söhne" allerdings kaum bewußt. So zum Beispiel im Falle Friedrich Haiders: Der 42jährige Oberösterreicher hat sich als Dirigent und Liedbegleiter international längst einen Namen gemacht, ist in den letzten 20 Jahren aber, mit Ausnahme einer Walküre beim Wagner-Festival in Wels, in Österreich kaum in Erscheinung getreten. Direktor loan Holender, der Friedrich Haider schon 1984 – damals noch als Agent - sein Theaterdebüt mit Wiener Blut in Klagenfurt vermittelt hatte, ist es auch, der ihn nun nach Österreich zurückholt: Am Silvesterabend wird er Die Fledermaus an der Wiener Staatsoper dirigieren. Hätte ihn eine solche Anfrage vor zehn oder fünfzehn Jahren erreicht, hätte Friedrich Haider wahrscheinlich dankend abgelehnt, nicht aus Hochmut, sondern aus Bescheidenheit. "Natürlich wäre ich in der Lage gewesen, eine Vorstellung auch ohne Probe anständig über die Runden zu bringen", erklärt er im Gespräch mit dem pro:log. "Aber das Ergebnis hätte wohl nicht meinen Idealen entsprochen. Ich gehöre halt zu jenen Typen, denen es mehr darauf ankommt, etwas aus der Musik zu machen, als aus sich selbst. Diese Einstellung hat mir in meiner Laufbahn nicht immer nur genützt. Jede Art von Selbstdarstellung ist mir ein Greuel, obwohl sie vielleicht schon auch zum Dirigentenberuf irgendwo dazugehört. Ich möchte mit mir selbst im Reinen sein."

Und so hat Friedrich Haider sein Kapellmeister-Handwerk zunächst als Korrepetitor und Assistent von Garcia Navarro in Stuttgart und an kleineren Häusern gefestigt, war dann einige Jahre lang als Chefdirigent in Straßburg tätig, um anschließend seine internationale Karriere weiter auszubauen. Nun steht er vor dem Sprung an die ersten Häuser Mitteleuropas: Am Teatro La Fenice in Venedig wird er Webers Freischütz, an der Dresdner Semperoper Mozarts Entführung aus dem Serail sowie an der Bayerischen Staatsoper München Faust, Roberto Devereux und Die Fledermaus dirigieren. Und zum Jahreswechsel kehrt er mit der Fledermaus ans Pult der Wiener Staatsoper zurück, an der er im kommenden Frühjahr auch La Traviata und Roberto Devereux leiten wird. Eigentlich hätte dies Friedrich Haiders Debüt im Haus am Ring sein sollen - als Dirigent wohlgemerkt, denn als Wiener Sängerknabe wirkte er schon vor rund 30 Jahren in zahlreichen Opernaufführungen mit. Kurzfristig hat er jedoch im September 2002 als Einspringer eine Aufführung von Donizettis Lucia di Lammermoor übernommen und damals sowohl Publikum wie auch Orchester begeistert: Selbst die Musiker haben ihm am Ende demonstrativ zuapplaudiert. "Es macht einen Unterschied, ob man als Anfänger oder nach zwanzigjähriger Berufserfahrung solch eine Herausforderung annimmt", lautet seine Antwort auf die Frage, warum er nun doch bereit gewesen sei, diese Aufführung ohne Probe zu übernehmen. "Außerdem kenne ich das Stück von vielen Einstudierungen her sehr gut. Ich würde nie an einem so bedeutenden Haus wie der Wiener Staatsoper eine Oper dirigieren, die ich zuvor nicht schon anderswo geleitet habe." Als er an jenem Abend vor das Orchester trat, war ihm keinerlei Nervosität anzumerken. "Herzklopfen hatte ich schon", gesteht er, "denn eine Herausforderung bleibt es allemal, vor diesem Orchester und vor diesem Chor zu stehen. Nervös aber war ich wohl deshalb nicht, weil ich das Gefühl hatte, nun sei der richtige Augenblick dafür gekommen". Während der Aufführung strahlte Friedrich Haider absolute Ruhe aus. In ständigem Kontakt zur Bühne atmete er souverän mit den Sängern mit, animierte aber zugleich durch seine konzentrierte und präzise Schlagtechnik das Orchester zu einem aufmerksamen und an musikalischer Gestaltung hörbar Freude habendem Spiel. "Ich habe an der Wiener Musikhochschule bei Karl Österreicher die beste Ausbildung erfahren", verweist Friedrich Haider auf seine musikalische Lehrzeit in Wien. "Er hat uns auf wunderbare Weise beigebracht, wie man sich physiognomisch, also mit Händen, Augen und Körper, am effizientesten ausdrücken kann, um von einem Orchester das zu bekommen, was man haben möchte. Die Wiener Philharmoniker sind diesbezüglich aber auch wirklich einzigartig. Jeder Millimeter, den man den Taktstock bewegt, löst eine Reaktion aus". Zur Musik Donizettis hat Friedrich Haider eine besondere Beziehung. Ein Stück, das ihm dabei vor allen anderen am Herzen liegt, wird er im kommenden März ebenfalls an der Wiener Staatsoper dirigieren: Roberto Devereux: "Wo immer ich dieses Stück bisher gemacht habe, ist es mir gelungen, auch das Orchester von der Qualität des Werkes zu überzeugen. Oft wird den Belcanto-Opern ja vorgeworfen, sie würden das Orchester bloß zur Begleitung der Singstimmen degradieren. Wenn man es aber schafft, das Drama, das sich auf der Bühne abspielt, im Orchester widerzuspiegeln, wird dieser unselbständig behandelte Orchester-Part mitunter ungemein rhetorisch und spannend. Gerade Roberto Devereux ist dafür ein gutes Beispiel. Es gibt darin zwar nicht jene Melodien, die sofort ein jeder nachsingt, aber was die dramaturgische Seite anlangt, so bewegt sich diese Oper an der vordersten Spitze psychologischer Ausgestaltung. Vor allem die Verhör-Szene, aber auch der Schluß, sind geradezu radikal im Einblick psychischer Ausnahmezustände. Ich bin schon sehr gespannt, wie viel ich von meinen Vorstellungen ohne Orchesterprobe werde vermitteln können". Doch zuvor kann Friedrich Haider, der mehr als 40 Opern in seinem Repertoire hat und als souveräner Kenner der Werke von Richard Strauss gilt, seine Vielseitigkeit bei einem ganz anders gearteten Stück unter Beweis stellen: der Fledermaus von Johann Strauß. Das ist eine Partitur, auf der jede Menge Traditionen lasten, und für jeden Dirigenten stellt sich die Frage, wie damit umgehen. "Ich habe die Fledermaus schon oft dirigiert, zuletzt etwa mit Helmuth Lohner als Regisseur in Köln. Und ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, daß die Traditionen, die Mahler bekanntlich als Schlamperei bezeichnete, im Falle der Fledermaus einfach ihre Berechtigung haben. Wenn man diese Traditionen hinterfrägt, wobei ich unter Traditionen gewisse aufführungspraktische Gewohnheiten verstehe, die sich nicht unmittelbar aus der Partitur ableiten lassen, dann wird man sehr oft feststellen, daß sie eben dem Wiener Boden entwachsen sind. Es handelt sich dabei um eine Art musikalischen Wiener Dialekt, der bei der Fledermaus zu Recht am Platze ist. Man könnte jetzt natürlich hergehen und diese Traditionen ausmerzen. Es wird dadurch zwar näher an die Notation gebracht, dafür aber bestimmt weniger idiomatisch klingen".
Die Oper nimmt in der Arbeit Friedrich Haiders einen zentralen Stellenwert ein. Doch widmet er sich immer wieder auch der symphonischen Musik, nicht nur im Konzert, sondern auch auf CD. Seine Aufnahme des Heldenlebens etwa mit dem ursprünglichen, von Strauss später auf Anraten Dritter revidierten Schlusses, hat großes Aufsehen erregt. In Zukunft wird er sich als Chefdirigent im nordspanischen Oviedo noch stärker als bisher dem symphonischen Repertoire zuwenden, fürchtet allerdings, daß als Folge davon der Kammermusiker und Liedbegleiter etwas zu kurz kommen wird. Viele namhafte Sänger, darunter Edita Gruberova, Victoria de Los Angeles, Vesselina Kasarova, Roberto Scandiuzzi, Gösta Winbergh und Rainer Trost haben die Zusammenarbeit mit ihm als Pianist gesucht, denn auch das Klavierspiel beherrscht Friedrich Haider souverän.

Schon als Student machte er an der Musikhochschule von sich reden, weil er Strawinskys Le Sacre du Printemps fehlerfrei aus der Partitur spielen konnte. "Ich bin ein leidenschaftlicher Kammermusiker. Als Dirigent hat man es immer mit Klang zu tun, den andere produzieren. Das genügt mir auf Dauer nicht. Ich möchte das hin und wieder auch selber tun, möchte dem Klang näher sein. Aus diesem Grund begleite ich Ensembleproben mit Sängern meistens selbst auf dem Klavier." Auch dies übrigens eine Tugend, über die nur noch wenige namhafte Dirigenten verfügen.

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